„Mama Mia“oder
Zuglaufstörung am Warschau – Berlin Expreß

 

Bis etwa 1973 endete jeder aus Polen kommende D-Zug für die polnischen Lokomotiven im Personenbahnhof Frankfurt(Oder) und mussten abgespannt werden, um ihn mit einer deutschen Lokomotive Richtung Berlin weiter befördern zu können. Das war in der Regel sehr umständlich und kostete Zeit. Man brauchte eine zusätzliche Bremsprobe für die übernehmende Lok.

Die Deutsche Reichsbahn der DDR und die staatliche polnische Eisenbahn, genannt PKP,(Polskie Kolej Panstwowe)vereinbarten, das polnische
Diesel Lokomotiven vor D-Zügen in Frankfurt nicht mehr abgespannt werden sollten. Es wurde notwendig, einen deutschen, streckenkundigen Lokführer auf die polnische Lok zu geben, der dem polnischen Lokführer in allen Belangen weisungsberechtigt war und über Besonderheiten auf der Strecke zu unterrichten hatte. Dieser Dienst nannte sich Lotsendienst und war in den vorgesehenen Dienstplänen fest eingearbeitet.
Irgendwann hatte ich die Aufgabe, den „Warschau – Berlin Expreß“ als Lotse zu befördern.
Pünktlich meldete ich mich in der Lokleitung, bekam die Unterlagen für „La“ ausgehändigt und erkundigte mich nach Besonderheiten für den Raum Berlin – Ostbahnhof.
In Wochen, Monaten und späteren Jahren, kannte man fast jeden polnischen Kollegen und seinem Beimann. Ja, die Polen hatten auf ihren Maschinen immer einen Beimann, man nannte ihn Pomotznik (Helfer). Zuerst fuhren Maschinen aus dem Depot Posen (Poznan), später aus Zbonschinek (Benschen) diese Züge. Die aus Benschen waren die besten Leute, fast alle sprachen ein verständliches Deutsch, weil viele von ihnen deutsche Vorfahren hatten, die nach dem Krieg in ihre Heimat geblieben sind.Und was für ein Handel (Schwarzhandel) ist erblüht. Waren, die es in der DDR nicht oder nur wenig gab, sind in unsere Hände gelangt, und die Polen hatten Geld zum Einkauf bei uns. Zum Beispiel deutsche Salami und andere Spezialitäten sind regelmäßig gekauft worden.Ein Beimann, noch junger Mensch, wollte, dass ich ihm eine „IIgla“ besorge. Was um Gottes Willen ist eine Ilgla? Ich durchstöberte mein Wörterbuch und fand darin eine Nadel für eine Nähmaschine. Die Nadel sollte natürlich für eine Singer – Nähmaschine sein. Beim nächsten Mal bekam er gleich einen 10 ner Pack. Seine Oma soll sich sehr gefreut haben. Barzo dobsche Pan, sehr gut mein Herr.
Aber zurück zu meinen Expreß, den ich nach Berlin und zurück bringen sollte. Bevor mein Zug ankam, war ich auf Bahnsteig 3 Gleis 9 zur Stelle. Dann kam er angerauscht, denn die Einfahrt war mit 60 km/h gestattet. Lokführer war ein alter Bekannter aus Benschen, und man sollte sagen, auf unseren Strecken ein Draufgänger, denn in Polen sind die Streckenverhältnisse zur damaligen Zeit noch miserabler gewesen als bei uns. Dschen dobre (Guten Tag) zo jest nowije? Was gibt es Neues? Marek , so heißt er mit Vornamen, lächelte verschmitzt und tat erst einmal einen Kaffee aufbrühen. Auch das war für uns deutsche Lokführer neu, wir hatten eine Heizplatte fest eingebaut nicht auf unseren Maschinen. Der Pomotznik guckt aus seinem Fenster, um den Abfahrauftrag der Aufsicht entgegen zu nehmen, weil der Bahnsteig auf seiner Seite liegt und ab geht die Post Richtung Berlin. Marek dreht den Fahrschalter – 3 Stufen überspringend bis auf die 15, genauso wie auf der Russenlok BR 132, weil bis Rosengarten, der nächste Punkt ohne Halt eine verdammte Steigung drin liegt. Zur Dampferzeit hörte man die 03`mit 4 ´re lang auf der Steuerung, bis Rosengarten röhren. Alles läuft, Rosengarten durch und dann beginnt für Marek das besondere „Sonntagsvergnügen“, sinnte doch nach Rosengarten bis Briesen ein schönes Gefälle beginnt. Bei der Durchfahrt des nächsten Ortes sind schon ein 120 `er Zeiger angesagt. Doch Vorsicht, im nächsten zu durchfahrendem Ort ist ein Doppelschlag auf den Schienen (Unterbau) erst links dann rechts, obwohl 120 km/h zugelassen. Was tut man, man erhebt sich würdevoll von seinem Hocker um den Kaffee nicht verschütteten zu lassen. Prima, hat wieder geklappt, ohne Kaffeepanne. Dann Briesen durch und Marek muss sich um den zurückgenommenen Fahrschalter kümmern, denn jetzt muss die Maschine bis Berlin wieder arbeiten, also Fahrschalter auf die 12 legen. Er freut sich zunehmend, wenn auch die „alten Maschinen“ ihre besten Tage gesehen hatten. Und jetzt kommt „Mama Mia“. Hinter Briesen, Richtung Berkenbrück, gibt es 2  Wegübergänge, die mit automatischen Schranken gesichert sind und auch für den Lokführer mit einem Überwachungssignal angezeigt werden. Überwachung zeigt, Schranken sind geschlossen. Etwa 300 m vor der letzten Schranke fährt doch tatsächlich ein PKW um die Halbschranke herum über die Gleise. Ich stehe auf und schreie  „Mama Mia“ und wollte mit dem Führerbremsventil die Notbremsung einleiten. Aber Marek hatte alles unter Kontrolle. In buchstäblich letzter Sekunde war der Falschfahrer verschwunden, nicht einmal das Kennzeichen hätte ich erkennen können. Seit dieser Zeit hatte ich einen Spitznamen bei den polnischen Kollegen ungewollt weg bekommen. Selbst andere polnische Kollegen nannten
mich von Stunt an „Mama Mia“.
Weiter bis Berlin, gab es keine Besonderheiten die erwähnt werden müssen. Aber dann kam es doch noch ganz Dicke. In Berlin hatte ich mit meinen Kollegen 2 Stunden Pause, um den nächsten Rückzug bespannen zu müssen. Was machen meine Leute, ja natürlich, sie gingen bzw. fuhren mit der S-Bahn zum Alex um einzukaufen, jeder mit zwei großen Taschen bewaffnet. Hatte natürlich aufmerksam gemacht, dass die Vorbereitungszeit für den nächsten Zug dann und dann beginnt. Auf der abgestellten Lok, die Kollegen waren weg, tat ich mein mitgenommenes Brot essen, und wartetet auf meine Kollegen. Die Zeit vergeht, und im nu musste die Lok startfertig gemacht werden, hörte ich doch die Lautsprecherdurchsage des Fahrdienstleiters. Was tun, die Leute sind noch nicht zurück und die Lok sollte an den Zug gefahren werden. Na ja, habe ich doch einiges zum Bedienen der Lok schon mitbekommen. Also zuerst Pumpa Paliwo (Kraftstoffpumpe) starten, dann Pumpa Olej (Ölpumpe) starten, nach 30 sec. Motor starten, dann die Schalter für die Lüfter der Fahrmotoren einlegen, sie müssen Hochlaufen. Zuletzt die beiden Kompressoren einschalten und auf 10 bar aufrüsten. Vorn leuchten schon zwei „Helle“ , Fahrschalter auf und die Rangierarbeit zum Zug beginnt. Am Zug, nach Führerstandwechsel, Bremsprobe durchführen, die Polen sind immer noch nicht da. Noch 5 min. Zeit bis zur Abfahrt. Die kommen nicht, Herzfrequenz auf 100. Allein darf ich nicht fahren. Aufsicht gibt Abfahrtsignal. Ich winke die Aufsicht zu mir, um klar zu machen, dass die Polen nicht hier sind. Doch in buchstäblich letzter Sekunde kommen sie die Treppen am Bahnsteig herumgerannt, ab auf die Lok, ich betätige den Fahrschalter und ab die Post Richtung Frankfurt. Natürlich taten sich Marek und sein Beimann wortreich bedanken für meine freundliche Hilfe. SP 45 – 083 zieht ihren Zug nach Frankfurt.Unterwegs, noch weit vor Briesen geht ein mörderischer Ruck durch die Lok und der Motor stirbt ab, still ruht der See. Was ist los, Marek schaut aus seinem Fenster, bei 120 km/h , und leitet eine Bremsung bis zum Stillstand des Zuges ein. Er meinte, an seiner Seite Wasser aus der Lok fließen zu sehen. Es stellte sich heraus, dass eine Kühlwasserleitung, die vom Motor in Nähe des Lokrahmens verlegt ist, sich am Rahmen durchgescheuert hat. Na das hat mir noch gefehlt, dachte ich mir Zuglaufstörung technischer Art. Zug steht auf freier Strecke, das nächste Streckentelefon ca. 1 km entfernt, also laufen auf den Gleisen zum nächsten Streckenfernsprecher, Zugfunk zum nächsten Fahrdienstleiter ist noch Utopie. Ich bestellte eine Ersatzlok, die uns nach Frankfurt bringen mußte.  Für technische Unzulänglichkeiten kann man eben nichts tun. So hatte ich einen erlebnisreichen Dienst hinter mir. Die obligatorische Aufarbeitung dieser Schicht, mußte natürlich beim meinem Lokleiter schriftlich erfolgen.

 

 

Heinz Priewisch

PS: Zu dieser Zeit gab es auf unseren Strecken der DDR noch keine Indusi-Überwachung, die polnischen Maschinen hatten nur eine passive SIFA – Einrichtung d.h. die punktförmige Indusi wurde erst später auf unseren Strecken eingerichtet, obwohl die Russen 132 `er schon die „Hufe“ dafür hatte.