Mein Weg vom Kindersoldaten zum Eisenbahner

Meine Eltern betrieben ab 1932 eine Landwirtschaft in Booßen bei Frankfurt (Oder) in der Kolonistenstraße, heute Schäferberg 4. Mein Vater verstarb 1937. Im Frühjahr 1945 – Booßen gehörte schon längere Zeit zum Frontgebiet und die meisten Dorfbewohner waren bereits evakuiert - blieben meine behinderte Mutter Luise, drei Ausländer (Dmytro Humenjak, eine Frau namens Paraska – beide aus der Ukraine - und „Watschel“, ein weiterer Arbeiter aus dem Osten) und ich zur Viehbetreuung auf dem Hof in Booßen. In dieser Zeit wurden fünf noch im Dorf anwesende Jugendliche, die gerade 16 Jahre alt waren und ich, damals erst 14jährig, noch am 08. April zur militärischen Ausbildung in das Bannausbildungslager (Bann 141) nach Fürstenwalde/Spree eingezogen.

Von dort wurden wir Mitte April als Melder nach Frankfurt (Oder) zu einer Wehrmachtseinheit kommandiert, in der Hornkaserne untergebracht und mit einer Wehrmachtsuniform und Armbinde der Hitlerjugend (HJ) eingekleidet. Danach erfolgte u.a. die Ausbildung am wassergekühlten Maschinengewehr aus dem Ersten Weltkrieg. Am 20. April mussten wir mit allen anderen Soldaten zur Entgegennahme des Führerbefehls antreten. Im Text kam u.a. vor: „Wien wird wieder deutsch, Berlin bleibt deutsch“ oder so ähnlich. Außerdem haben wir in diesen Tagen aus einem größeren Raum der Innenstadt altbrauchbare Fahrradteile geholt und zu Fahrrädern zusammengebaut. Mit diesen Fahrrädern, an denen wir befehlsgemäß zwei Panzerfäuste angebunden hatten, verließen wir als Gruppe unter Leitung eines älteren Soldaten am 22. April 1945 Frankfurt (Oder).

Als wir beim Waldhaus Rosengarten ankamen, begann die Bombardierung der Stadt. Die erste Nacht verbrachten wir in einem Keller in Sieversdorf. Nur etwa zwei bis drei Tage blieben wir als Gruppe zusammen. Die Fahrräder mit den befestigten Panzerfäusten ließen wir bald irgendwo stehen. Es war ein heilloses Durcheinander. Die anderen Jugendlichen aus der Booßener Gruppe sollte ich erst nach langer Zeit wiedersehen. Den Karabiner und die Eierhandgranaten schleppte ich recht lange mit mir herum. Erst als ich nach einer ungewollten Schlafpause merkte, dass bei einer Eierhandgranate die Verschraubung  fehlte und die Schnur herausging, wurde mir klar, welcher Gefahr ich ausgesetzt war und trennte mich schnellstens davon.

Viele Ereignisse aus dieser Zeit habe ich in den folgenden Jahren verdrängt. Ich wollte daran nicht erinnert werden. Einiges habe ich wegen der ständigen Übermüdung oft nicht richtig erfassen können. Mein Erinnerungsvermögen ist deshalb auch lückenhaft. Einmal wurde ich durch eine Granate, die in geringer Entfernung einschlug, geweckt. Ohne Ziel lief ich mit den anderen Soldaten in westliche Richtung. Zeitweise hatte ich auf einem überladenen Militärfahrzeug, das mehr stand als fuhr, Platz gefunden. Man durfte nur während der Fahrt nicht herunterfallen. Selbst der vorhandene Platz auf dem mitgeführten Geschütz war besetzt. Auf Leichen und Pferdekadaver, die auf dem Weg lagen, wurde in den letzten Tagen kaum noch Rücksicht genommen.

Auch Beschuss durch russische Flugzeuge habe ich erlebt. In einem Einschnitt des Waldes, in dem ich mich befand, stand eine unbesetzte Vierlingsflak. Als sich plötzlich ein russisches Flugzeug im Tiefflug am Horizont zeigte, rannte ein Soldat die wenigen Meter zur Flak. Er kam jedoch nicht mehr zum Schießen. Tödlich getroffen, sackte er auf dem Sitz in sich zusammen. Niemandem hat sein Tod genützt. Es gab weitere verzweifelte Handlungen. Ein junger Soldat hat mit Leuchtspurmunition in die Luft  geschossen. Kurze Zeit danach hörte ich aus der Ferne ein Geräusch, als wenn ein Sicherheitsventil Dampf ablässt und schon schlugen in unserer Nähe Granaten ein. Ein Pferd erhielt einen Volltreffer.

Ein weiteres Ereignis habe ich auch nie vergessen können. Als ich zusammen mit einem älteren Soldaten an einem Haus stand, bekam ich am linken Oberschenkel einen Streifschuss. Von der Hauswand fiel der Putz ab. Der Soldat klärte mich auf: „Junge, da hast du aber Glück gehabt, das war ein Explosivgeschoss.“ Die Wunde an meinem Bein verheilte, eine Narbe ist geblieben. Die Hose mit den beiden Löchern trug ich bis zu meiner Heimkehr nach Booßen.

Eine generelle Verpflegung gab es zu dieser Zeit nicht mehr. Wir mussten uns selbst etwas suchen oder hungern. Etwas Essbares fand ich u.a. auf einem zerschossenen Panjewagen der zwischen den toten, teilweise zerfetzten Soldaten lag. Einen Rucksack und drei oder vier Fleischbüchsen habe ich mitgenommen. Das Öffnen verschob ich auf später. Der Kessel von Halbe war zu dieser Zeit schon zu. Ein junger Offizier wollte mit uns, etwa sechs bis acht Leuten, durchbrechen. Wir zogen mit entsprechendem seitlichem Abstand durch eine Schonung. Der Wald lichtete sich und ich sah plötzlich auf einer freien Fläche neben einem großen Baum eine russische Pak. Ich konnte mich gerade noch umdrehen, als ein Schuss fiel und ich einen Schlag  im Rücken verspürte. Der Rucksack mit den Fleischbüchsen, vielleicht auch einige Äste, haben mich gerettet. Ein flacher Splitter von etwa 4 cm Durchmesser hatte sich in den Büchsen verfangen! Nach diesem Ereignis bin ich in die entgegengesetzte Richtung gelaufen. Kein Mensch war zu sehen. Was aus den anderen Leuten geworden ist, habe ich nicht mehr erfahren.

Als ich erneut eine Lichtung im Wald erreicht hatte, sah ich auf einer Wiese einen russischen Soldaten, der sein Pferd hütete. Ob er eine Waffe dabei hatte, konnte ich nicht erkennen. Meinen Karabiner, aus dem ich keinen Schuss abgegeben hatte, stellte ich an einen Baum und ging zu dem Soldaten. Er zeigte auf eine Scheune und machte mir klar, dass ich hineingehen sollte, es seien bereits weitere deutsche Soldaten dort. Und so geriet ich am 1. Mai 1945  bei Märkisch-Buchholz in russische Gefangenschaft. In der Scheune öffnete ich gemeinsam mit den bereits vorhandenen Gefangenen die Fleischbüchsen und teilte den Inhalt.

Am nächsten Tag begann ein Fußmarsch zum Lager Hoyerswerda. Unterwegs wurden wir auf großen Gehöften in Scheunen untergebracht und schliefen auf Stroh. Eine geregelte Versorgung gab es nicht. Einmal wurde von den Gefangenen eine Kuh geschlachtet. Auch ich bekam ein Stückchen Fleisch ab und versuchte, es über offenes Feuer mit einem Gegenstand aus Metall zu braten. Ich tat das sehr ausgiebig und dennoch bekam es meinem Magen und Darm nicht. Etwa zwei Tage lang habe ich mich mit Durchfall und Erbrechen gequält. Ich musste sehr oft aus der Kolonne ausscheren, was von der russischen Begleitmannschaft allerdings auch akzeptiert wurde.
In den Nächten dachte ich oft darüber nach, ob ich mich morgens im Stroh verstecken sollte, um auszurücken. Ich hatte bisher nicht beobachtet, dass die Gefangenen gezählt wurden. Aber ich konnte mir gut vorstellen, dass die Bewacher das Stroh mit Heugabel prüfen. Und so verwarf ich meine Fluchtgedanken. Wenige Tage später befahl man uns, auf dem Hof des Anwesens, auf dem wir zuletzt übernachtet hatten, im Rechteck mit einer offenen Seite anzutreten. Dann wurde ein Mitgefangener zur Mitte des Platzes geführt. Er musste sich hinknien und den Oberkörper freimachen. Dann erschoss ihn ein russischer Soldat von hinten mit einer Maschinenpistole. Ihm war die Flucht misslungen.

 Als wir in Hoyerswerda, Lager Elsterhorst, ankamen, mussten wir zunächst warten, bevor wir auf die Gebäude verteilt wurden. Ein vorbeifahrendes Fuhrwerk hatte Kartoffeln geladen! Ich sprang auf und stahl mir drei oder vier vom Hänger! Gekocht, gepellt und vermischt mit etwas Grünzeug, welches am Wegesrand wuchs, ergab das für mich eine unbeschreibliche Köstlichkeit!
In der Unterkunft belegten wir  jeder einen Platz auf Holzpritschen mit drei Etagen. Wenn es zu eng war, musste gruppenweise die Seitenlage gewechselt werden.
Erstmals wurden wir aufgefordert, unsere Sachen auf Läusebefall zu untersuchen. Gemerkt  hatte ich bis dahin noch nichts, aber gefunden habe ich sie sehr schnell, besonders in den Nähten. Ich kann mich zwar an Einzelheiten der Entlausung in Elsterhorst nicht erinnern, aber sie ist sicherlich bereits dort erfolgt.

Schließlich wurden wir Ende Mai weitertransportiert - fünfzig Personen in einem gedeckten Güterwagen mit einem Loch im Boden für die Notdurft! Das Loch durfte nicht zu groß sein, weil sonst der Platz für die Männer fehlte. Aus dem gleichen Grund wurde ich als Jüngster der Insassen gebeten, mich in eine Zeltbahn zu legen, die man im oberen Bereich des Waggons angebracht hatte. Auf die Dauer war das auch nicht so bequem, aber auf alle Fälle besser als unten liegen zu müssen. Während dieser Fahrt habe ich sehr viel über das Essen und Trinken erfahren, z. B. wie man zu Friedenszeiten in den Gaststätten bedient wurde und dass es die Brötchen, die auf den Tisch kamen, kostenlos gab. Wir bekamen einmal täglich etwas zu trinken und ein Gefäß mit warmem Essen und Brot in den Wagen gestellt. Dann wurde die Tür wieder zugeschoben.

Als wir im Lager Bolko bei Oppeln ankamen, wurden die Jugendlichen separat in einem Raum untergebracht. Wir erhielten täglich einen Esslöffel Zucker zusätzlich. Ansonsten gab es 120 Gramm Brot und zweimal einen Liter Suppe mit viel Wasser pro Tag. Als Toilette diente eine Grube, über der ein langer Balken als Sitzfläche und einer als Rückenlehne angebracht waren. Einer der Insassen musste kontrollieren, ob die Ausscheidungen mit Blut vermischt waren und dieses entsprechend protokollieren.
Nochmals wurden wir entlaust. Die Anlage habe ich aber auch genutzt, um meine Brotscheiben an der Ofentür aus Metall zu rösten. So schmeckte mir das wenige Brot besser.
Etwa Anfang September wurden wir von einer deutsch sprechenden, russischen Ärztin untersucht. Körperliche Probleme hatte ich nicht, aber auf Grund meines geringen Alters sortierte mich die Ärztin aus. Und auch die bereits Sechzehnjährigen, mit denen ich Kontakt hatte, durften nun nach Hause.

Der Rücktransport nach Hoyerswerda erfolgte mit offenen Güterwagen. Wenn wir auf einem Bahnhof standen, konnten wir uns frei bewegen. Dort hatte ich erstmals mit polnischen Bürgern Kontakt, die mich über die Leiden der Polen informierten.
Aus dem Kriegsgefangenenlager Hoyerswerda wurde ich am 18. oder 19. September 1945 entlassen. Vom Bahnhof des Ortes bekam ich, wie andere Heimkehrer zu dieser Zeit, die Möglichkeit auf dem Tender einer Lok mitzufahren. In meinem Fall war es eine Lok der Baureihe 52, die leer (Lz) bis nach Cottbus fuhr. Nach einer entsprechenden Wartezeit konnte ich dann einen Reisezug bis Berlin benutzen. Die Fensterscheiben waren überwiegend kaputt. Mir gegenüber saß eine Frau, auf deren Garderobe die Läuse spazieren gingen. Das störte mich nicht mehr. Am 20. September in der Vormittagszeit erreichte ich den Schlesischen Bahnhof. Dort stand ein bespannter Güterzug in Richtung Frankfurt (Oder). Nach Rücksprache mit dem Lokführer nahm ich auf einem leeren Plattenwagen im vorderen Teil des Zuges Platz. Einige Stunden vergingen bis zur Abfahrt. In Rosengarten hatte der Zug Halt. Eine günstige Gelegenheit zum Absteigen. Eilig lief ich nach Booßen. Was wird mich dort erwarten?

Mein Bruder öffnete die Haustür. Auf dem elektrischen Backofen stand ein Teller mit gekochten Kartoffeln! Die waren aussortiert und für den Hund bestimmt…!
Ich erfuhr, dass inzwischen über 20 Personen unserer Verwandtschaft aus den östlichen Gebieten unseren Hof als Ziel erreicht hatten und nun hier wohnten.
Meine Mutter war inzwischen schwer an Typhus erkrankt. Sie wurde von ihren Schwestern, die nun als Flüchtlinge anwesend waren, mit Ziegenquark gepflegt.
Watschel ist auf der Flucht mit dem Pferdewagen von einem Geschoss tödlich getroffen worden. Er wurde im Wald beerdigt. Paraska ist nach dem Eintreffen der russischen Soldaten sehr schnell verschwunden.

Nur Dmytro blieb so lange das möglich war.

Alle drei hatte meine Mutter, wie ihre Kinder behandelt. Bei den Feldarbeiten jedoch soll meine Mutter mit dem Blick zur Straße häufig geäußert haben: „Nun muss der Junge bald kommen?!“ Gemeint war ich.
Als Ersatz für die nun fehlenden Arbeitskräfte kam jedoch erst Horst Tettenborn auf unseren Hof. Er wollte vorübergehend helfen, bevor er in seine Heimat, dem Rheinland, zurückkehrt. Dazu kam es jedoch nicht. Ende August fuhr er beim Pflügen auf eine Mine und wurde zerrissen. Die Pferde fanden ohne ihn zum Hof zurück. Horst Tettenborn wurde auf dem Booßener Friedhof beigesetzt und ein Holzkreuz zur Erinnerung an ihn aufgestellt.


Im Oktober/November hatte mich der Typhus dann auch erwischt. Otto Retzlaff, der Nachbar und spätere Bürgermeister von Booßen, schenkte mir damals als Medizin ein Fläschchen aus der Booßener Brennerei, damit ich wieder auf die Beine komme. Wie ich erst später erfahren habe, wurden vier der Booßener Jugendlichen 1945 verhaftet und in verschiedene Lager gebracht. Weil ich und meine Angehörigen nicht wussten, ob mich dieses Schicksal auch ereilt, bin ich zwischen Weihnachten 1945 und Neujahr 1946 nach Erfurt zu Verwandten geflüchtet. Dort habe ich sofort im Januar eine Lehre zum Bauschlosser begonnen. Erst als die Gefahr einer Verhaftung gebannt war, kehrte ich im Juni 1946 zurück. Meine Lehre konnte ich in Frankfurt (Oder) fortsetzen und im Dezember 1948 abschließen. Am 15. Februar 1949 wurde ich vom Eisenbahnausbesserungszug 5 in Frankfurt (Oder) als Lokschlosser eingestellt. Damit begann meine 43jährige Zeit als Eisenbahner.

 

Lothar Meyer  

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