Stellwerker bis zum letzten Stein

Ein Bericht der MOZ

Wilfried Follert erinnert sich an seine Arbeit auf dem Bahnhof Eisenhüttenstadt.

 

Es war einmal: Das Stellwerk war ein Wahrzeichen Fürstenbergs-Eisenhüttenstadt

Wenn ein Bauwerk abgerissen wird, verschwinden immer auch Orte der Erinnerung. So wie jetzt beim historischen Stellwerk am Bahnhof in Eisenhüttenstadt. Für Wilfried Follert, der in dem Gebäude 15 Jahre lang gearbeitet hat, wird ein Lebenskapitel gelöscht - jedenfalls optisch.

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Das ist der Platz des Fahrdienstleiters im abgerissenen Befehlsstellwerk mit dem Blockwerk
und den Fernmeldeanlagen.
Mit dem Blockwerk übermittelte er die Freigabe der Fahrstraßen und Hauptsignale für die Züge.

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Follert in der Aufsicht Güterbahnhof

Dass das Gebäude am Bahnübergang jetzt Stück für Stück von einem Bagger abgeknabbert wird, geht dem 88-Jährigen schon nahe. Jeden Tag seit Beginn der Abrissmaßnahme am Wochenende ist er vor Ort, schaut zu, unterhält sich mit anderen Schaulustigen, schwelgt in Erinnerungen und ist auch ein wenig traurig.
"Das ist doch ein Wahrzeichen von Fürstenberg", betont er und irgendwie hört man in seiner Stimme, dass er es gern gesehen hätte, wenn das Stellwerk, das Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut wurde, bleibt. "Aber das kann man nun mal nicht ändern, die Zeit geht weiter", sagt er. Follert hat eine ganz enge Verbindung zu Schienen, der Bahn und dem einstigen Wahrzeichen von Fürstenberg. "Ich habe 25 Jahre lang im Rangierdienst gearbeitet und mir die Beine abgelaufen. Und dann war ich von 1975 bis 1990 auf dem Stellwerk, wo meine Schultern lahm gelegt wurden." Er sagt das mit einem Lächeln und ohne Vorwurf. Eigentlich hatte Wilfried zunächst Bäcker gelernt. Doch durch eine Hautkrankheit musste er das Handwerk aufgeben. Schließlich landete er im Gleisbau, denn zupacken konnte er. Und als er dort die Rangierer sah, dachte er sich: "Was die können, kann ich auch." Er sollte Recht behalten. Es folgte eine praktische Ausbildung. "Und jetzt bin ich hier der älteste noch lebende Betriebseisenbahner", sagt Wilfried Follert stolz.
Doch das tägliche Rangieren nagte an seiner Gesundheit, und so landete er schließlich im Stellwerk, wo ebenfalls Muskelkraft gefragt war, allerdings nur in den Armen. Wie oft er den Hebel für die Weichen pro Tag bewegt hat, das weiß er nicht.

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Genauso wenig hat er gezählt, wie häufig er den Knopf gedrückt hat, damit die Schranken auf- und zugehen. Bis in die 1950er-Jahre mussten die Stellwerker auch dafür noch kurbeln. "Aber das kenne ich nur vom Sehen", erzählt Follert.

Was er aber herausstellt, ist die Verantwortung, die ein Stellwerker hatte. Immer wieder wurde aus dem Fenster geschaut. "Und die Autos und Fahrräder sind teilweise gefahren, wenn die Schranken bereits runtergingen oder wenn sie noch nicht ganz oben waren." Einmal sei ihm fast eine Radfahrerin vor den Zug gefahren. "Das war knapp", erzählt er. Dieser stete Druck habe ihn schon belastet, gesteht er, und dennoch hat ihm die Arbeit Spaß gemacht - sonst würde er jetzt nicht mehr so an dem Gebäude hängen, das täglich schrumpft.

"Ich hätte so gern noch mal oben gestanden und aus dem Fenster geguckt, als würde ich eine Lok begrüßen. So wie früher", sagt Wilfried Follert. Dazu ist es aber nicht mehr gekommen. Dafür hat sich der Fürstenberger eine Signallampe als Andenken gesichert, die neben dem Fenster hing. "Die haben mir die Bauarbeiter runtergebracht." Auch für andere Bauteile hätten sich viele Abnehmer gefunden, sagt er. Sogar die Fenster und Dachbalken seien in Gänze abtransportiert worden. "Viele, die mit dem Stellwerk etwas zu tun hatten, wollen eine Erinnerung behalten", glaubt er.

Dass die Moderne am Eisenhüttenstädter Bahnhof Einzug gehalten hat, sieht er auch mit einem kritischen Auge. "Mit dem Abriss des Stellwerkes sind Arbeitsplätze verschwunden", betont er. Seit der Umbaumaßnahme der Deutschen Bahn in diesem Jahr werden die Schranken und Signale nämlich über ein elektronisches Stellwerk gesteuert. Dieses befindet sich allerdings auf dem Grenzbahnhof Frankfurt-Oderbrücke.

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In Eisenhüttenstadt selbst gibt es nun lediglich noch eine elektronische Außenstation, die damit verbunden ist, weiß Bernhard Lehmann aus Vogelsang, der in der Stahlstadt ebenfalls viele Jahre als Eisenbahner tätig war.

 

 


Eisenhüttenstadt im November 2019

Bernhard Lehmann

 

Fotos von D. Malzahn und B.Lehmann

Nachruf
Leider ist inzwischen unser Kollege Wilfried Follert verstorben. Er war einer der ältesten und besten Betriebseisenbahner des Bahnhofs Eisenhüttenstadt, an den wir uns noch gerne erinnern. Wir werden sein Andenken in Ehren halten.
Bernhard und Brigitte Lehmann aus Vogelsang
 
Vogelsang im November 2019