Die Ausbildung des Eisenbahner-Nachwuchses

 im Betriebs- und Verkehrsdienst der Deutschen Reichsbahn (DR)

         an der Betriebsschule des Reichsbahnamtes Frankfurt (Oder)

Ein Bericht von Bernhard Lehmann

 Vogelsang

BV-Ing.  Fach-Ing.  Dipl.-Ing- Päd. , Rb.-Rat i.R. ,Abt.-Ltr. für  die berufstheoretische Ausbildung bis 1988 , Fachlehrer für den berufstheoretischen Unterricht, Lehrmeister (1.1.1950 ...1960), Lehrer in der Erwachsenenqualifizierung( TBS) später AWW (1960..!964), Oberlehrer an der Betriebsschule des Reichsbahnamtes Frankfurt (Oder), parteilos , Dienstalter bei der DR : 46,5 Jahre (1. 4. 1944.... 30.9. 1990), Jahrgang Mai 1930, seit 1990 im Vorruhestand/Rentner.

 

1. -- Neuordnung  der Berufsausbildung bei der DR  im Jahre 1951

1.1. Notwendigkeit und Organisation

Dieser Bericht ist die Fortsetzung  meines Beitrages über die Gewinnung des Eisenbahner-Nachwuchses bei der DR (1)*, wo ich u.a. auch einen Überblick über die Laufbahnausbildungen gab. Diese wurden nach dem Jahre 1951 nun in dieser Bezeichnung nicht mehr weitergeführt. Das betraf die damalige Reichsbahn-Betriebsjunghelfer-Ausbildung mit der Prüfung zum nt. Reichsbahn-Assistenten und die Inspektor-Anwärterausbildung. Sie wurde jetzt in "B-Ausbildung" bzw. in die "A-Ausbildung" umbenannt und beibehalten. Für Lehrlinge wurde ab 1951 bei der DR erstmalig eine Facharbeiterausbildung eingeführt.

Bisher wurden Lehrlinge von den Bahnhöfen nur in geringer Zahl eingestellt, wobei  die Dienstvorsteher die praktische Ausbildung nach einem vom Reichsbahnamt aufgestellten Ausbildungsplan zu organisieren und zu  überwachen hatten. Dazu hatten  die Lehrlinge  unter seiner Aufsicht  monatlich unangekündigt eine Kontrollarbeit über ein Fachthema zu schreiben. Einen  berufsbezogenen Berufsschulunterricht gab es für sie nicht. So mussten sie am Unterricht einer kommunalen Berufsschule teilnehmen.

Infolge des hohen Personalbedarfs der Deutschen Reichsbahn stieg Anfang der 50-ziger Jahre sprunghaft die Zahl der eingestellten Lehrlinge. Die Dienstvorsteher konnten diese Ausbildung jetzt neben ihren Dienstaufgaben nicht mehr durchführen.

Außerdem wuchsen in allen Berufen die Bildungs- und Erziehungsaufgaben. Entsprechend dem "Gesetz über die Förderung der Jugend in Schule und Betrieb " und dem "Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem" ist dann am 01.01.1950 die gesamte Berufsausbildung  reformiert worden. Gleichzeitig wurde mit dem "System der Aus- und Weiterbildung der Werktätigen" eine moderne  Berufsbildung geschaffen, die zur Bildung von Betriebsakademien und damit erstmals zur Einführung einer Facharbeiterausbildung außerhalb der Arbeitszeit führte. Weiterhin hatte unsere Betriebsakademie außerhalb der Arbeitszeit einen "Qualifizierungslehrgang für die A-IV - Befähigung" zur Vorbereitung eines Ingenieurstudiums an unserer Schule in Gotha organisiert, an dem viele Frauen des Rba teilnahmen und gute bis sehr gute Leistungen erreichten.

Bei all diesen Weiterbildungen galt in der DDR, im Gegensatz zum heutigen Staat, das" Recht der  Gleichberechtigung von Mann und Frau und das Recht:" Gleicher Lohn für gleiche Arbeit". Weiterhin war es  selbstverständlich, nach erfolgreichem Abschluss der Berufsausbildung vom Betrieb übernommen und nicht arbeitslos zu werden. In unserem Staat gab es viele Möglichkeiten der Bildung, besonders in der Aus- und Weiterbildung der Werktätigen. Man musste sie nur nutzen.

 

1.2. Die Bildung von Ausbildungsbahnhöfen

Hiermit wurde ein völlig neues Ausbildungssystem der DR für die praktische Berufsausbildung der BV-Lehrlinge geschaffen. Es waren in unserem Rba-Bezirk die Ausbildungsbahnhöfe Frankfurt (Oder) Pbf, Fürstenwalde (Spree), Fürstenberg (Oder) (jetzt Eisenhüttenstadt) und Kietz (jetzt Küstrin-Kietz) und später Beeskow. Die Leitung hatte ein Ausbildungsleiter, später ein Lehrmeister.  Bei der Vielzahl der eingestellten Lehrlinge wurden außerdem weitere fachlich qualifizierte und geeignete Lehrausbilder eingesetzt.

 

1.2.1. Übersicht über die Lehrkräfte der Ausbildungsbahnhöfe  ab 1.1.1950

Ausbildungsbahnhof Lehrmeister Lehrausbilder
Frankfurt (Oder) Pbf Schnell, Manfred Rettich, Vera
  Hoch, Klaus (später) Futterlieb, Heinz
    Stephan, Siegfried (später)
    Bähne, Bärbel (später)
     
Fürstenwalde (Spree) Panitsch, Karl Rex, Bruno (später)
     
Fürstenberg (Oder) Lehmann, Bernhard Karl- Heinz Burghardt (später)
    Thiel, Brigitte (später)
    Wieczorek, Werner (später)
     
Beeskow (später) Lindner, Rudolf Wölfling, Wolfgang (später)
     
Kietz (später Küstrin-Kietz) Pade, Heinz Behlendorf, Willi (später)
    Bursch, Alfons (später)

 

 

 

1.2.2. Ausbildung und Qualifikation der Lehrkräfte der Ausbildungsbahnhöfe

 

Die pädagogische Ausbildung erhielten die Lehrkräfte in 2 Grundlehrgängen in Görlitz und in einem Aufbaulehrgang (3 Monate mit Prüfung) im Lehrmeister-Institut Karl-Marx-Stadt (jetzt Chemnitz). Ihre fachliche Qualifikation hatten die Lehrkräfte bereits durch ihre laufbahnmäßigen Ausbildungen in Prüfungen nachgewiesen. Das waren folgende: Rb-Betriebsjunghelferausbildung mit der Prüfung zum  nt. Rb-Assistenten (RAS) (*)  BV- Facharbeiterprüfung mit B-Prüfung oder später durch ein Fernstudium an der Ingenieurschule für Eisenbahn-Betriebs-und Verkehrstechnik in Gotha (später Ingenieurschule für Transporttechnik). Letzteren Qualifikations-Grad  hatten 2 Lehrmeister und alle Fachlehrer unserer Betriebsberufsschule (BBS), der  späteren Betriebsschule (BS).

In den ersten Jahren der Lehrlingsausbildung war den Ausbildungsbahnhöfen ein Ausbildungsleiter beim Reichsbahnamt (Rba) übergeordnet eingesetzt. Dieser hatte Anleitungs- und Kontrollfunktionen und die Verbindung zwischen  der Betriebsberufsschule, des Lehrlingswohnheimes und der Ausbildungsbahnhöfe zu den Abteilungen des Rba zu halten. Das waren in zeitlichen Abständen die Kollegen Heinz Adolf, Heinz Laske und zuletzt ich selbst. Später ging diese Funktion auf den Lehrobermeister BV, dem Kollegen Siegfried Stephan, über.

1.3. Die Bildung unserer Betriebsberufsschule und späterer Betriebsschule

Der Berufsschulunterricht unserer BV-Lehrlinge konnte noch nicht in eigener  Schule durchgeführt werden und musste noch einige Jahre in den Gebäuden der  "Gelben Presse" sowie "Am Graben" in Frankfurt (Oder) beibehalten werden. Im Jahre 1953 wurde dann endlich der Neubau unserer Berufsschule Bild 1 Bild 2 übergeben. Die fachspezifische Ausbildung der Lehrlinge  erfolgte zunächst noch in zwei gesonderten Abteilungen. Die eine für den "Bereich BV", die dem Rba Frankfurt (Oder) unterstand und vom Kollegen Heinz Holle geleitet wurde, die andere für den "Bereich Fahrzeuge", unter der Leitung des Kollegen Horst Berndt.

Am 01.01.1957  wurde unsere Betriebsberufsschule (BBS) in Frankfurt (Oder), Briesener Str. gegründet. Beide Abteilungen sind dann mit Beginn des Lehrjahres 1959 zur Betriebsberufsschule des Rba Frankfurt (Oder) vereinigt worden. Sie bildete Lehrlinge für den gesamten Rba-Bezirk aus. Am 01.09. 1959 nahmen dann die ersten Abgänger der 10. Klasse eine zweijährige Facharbeiterausbildung für den BV-Dienst (BV-Lehrlinge) auf. Am 01.01.1970 wurde der Ausbildungsbereich der Schule bedeutend erweitert und in die Betriebsschule des Rba Frankfurt (Oder) (BS) umbenannt. Dabei wurden neben der bisherigen Berufsausbildung der Lehrlinge (BV, Lehrwerkstatt und Hochbaumeisterei) auch der frühere Bereich "Aus-und Weiterbildung der Werktätigen ", die Technische Betriebsschule (TBS), (später die Betriebsakademie) und die Abteilung Polytechnik für Schüler der "Zehnklassigen Polytechnischen Oberschule" (POS)" einbezogen. Die Leitung der Betriebsschule übernahm der Kollege Erich Jochen und sein Vertreter war der Kollege Heinz Holle. Die Struktur der BS sehen sie unter: http://eisenbahnfreunde.transnet-ffo.de/Schule/Struktur.html

1.3.1.  Direktoren der Betriebsschule und ihre Vertreter in der Reihenfolge ihres Einsatzes

 

Direktor
Vertreter
Bernd, Horst Rautenberg, Richard
Rautenberg, Richard Holle, Heinz
Jochen, Erich Holle, Heinz/ Firoch, Josef
Leutzow, Rudolf Stephan, Siegfried/ Firoch, Josef/ Spielmann, Helmtraut ab 01.09.1981
Schulz, Bernhard Stephan, Siegfried/ Spielmann, Helmtraut
Gollhard, Dieter Stephan, Siegfried

 

 

 

1.3.2. Das Lehrerkollegium

Siehe hierzu die Übersicht:

http://eisenbahnfreunde.transnet-ffo.de/Schule/Lehrercollegium.html

 

1.3.2.1. Lehrkräfte mit ihren Unterrichtsfächern
Siehe hierzu die Übersicht:

http://eisenbahnfreunde.transnet-ffo.de/Schule/Lehrerkollegium.html

 

2. Grundriss der Schule
Siehe hierzu die Skizze:
http://eisenbahnfreunde.transnet-ffo.de/Schule/Grundriss%20Schule.html

 

 

 

 

3.    Lehrberufe

 


- Facharbeiter für Eisenbahnbetrieb, für Abgänger der 10. Klasse mit 2-jähriger  Ausbildung, davon wurden jährlich  2 Klassen ausgebildet

- Eisenbahntransportfacharbeiter für Abgänger der 8. Klasse mit 3-jähriger Ausbildung, mit jährlich einer Klasse.

- Eisenbahn-Gehilfe (Teilberufsausbildung) für Abgänger niederer Klassen Ausbildung, mit jährlich einer Klasse.

- Verkehrskaufmann/-frau für Abgänger der 10.Klasse mit 2-jähriger Ausbildung, mit jährlich einer Klasse.

Dieser Ausbildungsberuf wurde 1990 umbenannt in: Kaufmann/Kauffrau im Eisenbahn- und Straßenverkehr (KiES)

3- jährige Ausbildung, (Abgänger 10.Klasse und höher). Neu im 3. Lehrjahr: Straßenpersonen- und Güterverkehr,         

Binnenschifffahrt, Überblick Flugverkehr, Tourismus)

 

- Triebfahrzeugschlosser für Abgänger der 10. Klasse

mit 2-jähriger Lehrzeit, mit jährlich einer Klasse, Ausbildung in der Lehrwerkstatt

 

 

Anzahl der ausgebildeten Lehrlinge
Die durchschnittliche Klassenstärke betrug etwa  26 Schüler.Von 1950 bis 1975 wurden etwa 1750 Lehrlinge ausgebildet. Aktuelle Angaben über die  Anzahl unserer ausgebildeten Lehrlinge bis zur Wende standen mir nicht mehr zur Verfügung. Sie waren mir nach meinem Ausscheiden aus dem Schuldienst nicht mehr zugänglich. Alle Unterlagen des Archivs der BS und selbst das gesamte Unterrichtsmaterial wurden restlos entsorgt. Mit Einführung des neuen Systems der Berufsausbildung wurden  für alle Berufe neue Lehrpläne geschaffen. Für den Bereich BV waren es folgende:

 

4....Ausbildungsunterlagen, Unterrichtsfächer, Lehrplaneinheiten

 

4.1. Ausbildungsunterlage für die Facharbeiterausbildung

        -Facharbeiter für Eisenbahnbetrieb-

 

Unterrichtsfächer:   Staatsbürgerkunde, Sport, Sprachkommunikation, Betriebsökonomik, Russisch, Verkehrsgeographie, Sozialistisches Recht, Fachunterricht BV mit folgendem Inhalt: Eisenbahngrundwissen, Fernmeldedienst, Grundlagen der Betriebstechnik, Rangierdienst, Stellwerks-und Zugmeldedienst, Verkehrsdienst (Reiseverkehr und Güterverkehr), Grundlagenfach der Elektronik und Datenverarbeitung und die Ausbildung im Kleincomputer-Kabinett

Die naturwissenschaftlichen Fächer wurden nicht mehr als gesonderte Lehrfächer weitergeführt. Die Kenntnisse der "Zehnklassigen Polytechnischen Oberschule (POS) " wurden als bekannt vorausgesetzt und waren in die jeweiligen Fachthemen des Unterricht einzubeziehen sowie zu vertiefen.

4.1.1 Lehrplaneinheiten des berufstheoretischen Unterrichts BV                         U-Std    

Eisenbahnanlagen 
17
Eisenbahnsignale und Fernmeldeanlagen
16
Verkehrsunternehmen DR
10
Eisenbahnfahrzeuge und Container
17
Begriffe im Rangier-und Zugdienst, Fahrplanwesen, Dispatcherdienst
20
Bahnbetriebsunfälle, Störfälle im Bahnbetrieb und andere Ereignisse
10
Technischer Wagendienst
15
Zugbildung/Zugabfertiger/Zugfertigsteller
21
Rangierdienst
18
Zugbegleitdienst
18
Fahrkartenverkaufsdienst, Personenbeförderung, Reisegepäck- und Expreßgutabfertigung
24
Güterwagendienst
16
Güterbeförderungs- und Abfertigungsdienst
16
Einführung in den Stellwerksdienst 
8
Sicherung der Zugfahrt innerhalb des Bahnhofs
12
Sicherung der Zugfahrt auf der freien Strecke
18
Zugmeldeverfahren sowie Signal- und Blockbedienung beim Abweichen   vom Regelbetrieb
16
Unregelmäßigkeiten und Störungen im Weichen-, Signal- und Blockdienst
18

 

 

      

4.1.2. Überblick über den Lehrstoffinhalt einer Lehrplaneinheit

 

Um eine Vorstellung über Umfang und Inhalt einer Lehrstoff-Einheit zu bekommen, habe ich die Lehrplaneinheit " Technischer Wagendienst „dem Lehrplan  entnommen: Bild 1 Bild 2

 

Die Ausbildungsunterlagen für Eisenbahntransportfacharbeiter, BV-Gehilfe und Verkehrskaufmann/frau waren ebenfalls nicht mehr vorhanden.

 

5. Die Leitung des berufstheoretischen Unterrichts

Diese Aufgabe wurde mir, als bisheriger  "Leitender Lehrer" des Kollegiums, jetzt  als "Abteilungsleiter für die berufstheoretische Ausbildung, " übertragen. So war ich für die Organisation, Anleitung und Kontrolle der Bildungs-und Erziehungsarbeit aller  Lehrlinge (BV und Lehrwerkstatt) der BS dem Direktor gegenüber verantwortlich. Außerdem hatte ich einen Pflichtanteil an Unterrichtsstunden.  Bei drohendem Ausfall von Stunden, die wir nicht fachgerecht vertreten konnten, nutzte ich diese als zusätzliche Unterrichtsstunden freiwillig und ohne Vergütung für meinen Fachunterricht. Dadurch hatten wir immer nur einen sehr geringen Unterrichtsausfall aufzuweisen.

Weiterhin oblag mir die Organisation, Anleitung und Überwachung des Unterrichts und die Kontrolle der Lehrplanerfüllung. Daraus ergab sich auch die Organisierung der Hospitationen im  Unterricht der Lehrkräfte. Hierzu gehörten besonders die regelmäßigen Gruppenhospitationen der Lehrmeister im berufstheoretischen Fachunterricht.

Außerdem führte ich mit dem Lehrerkollegium monatlich außerhalb des Schulunterrichts Dienstberatungen durch, nahm an solchen der Schulleitung teil und war dem Direktor über unsere Arbeit, der Lehrer,  rechenschaftspflichtig.  Diese Berichterstattung oblag mir auch bei pädagogischen Konferenzen und staatlichen Kontrollen. An Parteiversammlungen der Schule nahm ich nicht teil, da ich nicht Mitglied  war. Das mag als Mitglied der Schulleitung etwas ungewöhnlich sein, war es aber nicht. Wir hatten im Kollegium  noch 3 weitere Lehrer/innen und von der praktischen Berufsausbildung auch noch mehrere Kollegen/inen, die auch nicht in der Partei waren.  
 

5.1. Das" Duale System" der Berufsausbildung bei der DR

Ziel und Gegenstand unserer berufstheoretischen wie berufspraktischen Ausbildung war die Durchsetzung des sog. "Dualen Systems in der Berufsausbildung", was in der heutigen Zeit als "jetzt erfunden" propagiert wurde. Für uns ergab sich daraus speziell die Folge der berufstheoretischen Unterrichtsthemen mit denen des berufspraktischen Unterrichts (Lehrunterweisungen) so aufeinander abzustimmen, dass die Themen des Fachunterrichts gegenüber denen der Lehrunterweisungen einen zeitlichen Vorlauf von möglichst 2 Wochen haben sollten. So war es diesen Lehrkräften möglich, sogleich mit den Übungen zu beginnen, ohne den vorangehenden theoretischen, schulischen Teil erst vermitteln zu müssen. Hierzu bedurfte es aber eine gute Abstimmung und Zusammenarbeit zwischen den Lehrkräften der Berufstheorie mit denen der Berufspraxis. Dafür war ich als Leiter der "Methodischen Kommission "zuständig, die aus Mitgliedern beider Sparten bestand.


5.2. Die Bildungs- und Erziehungsarbeit

Jeder Unterricht ist ein Prozess von Bildung und Erziehung. Dabei wird nicht nur Lehrstoff vermittelt und gefestigt,  die Schüler werden vom Lehrer durch sein pädagogisches Geschick gleichzeitig erzogen. So verfolgt jeder Unterricht  ein Bildungs-und Erziehungsziel, dessen Erreichen ein Maßstab jeden Unterrichts ist. Die Unterrichtsziele der einzelnen Unterrichtsthemen waren in den Lehrplänen festgelegt. Oberstes Ziel war stets  die  Bildung und Erziehung unserer Lehrlinge zu verantwortungsbewussten, disziplinierten und fachlich hoch qualifizierten Facharbeitern. Hieraus ergab sich für unseren Unterricht folgendes Unterrichtsziel, das ich dem § 3 (1) der Fahrdienstvorschriften (FV) entnommen habe:

"Alle Eisenbahner müssen sich  bewusst sein, dass Leben und Gesundheit der Reisenden wie der Eisenbahner selbst, von der sicheren Führung des Eisenbahnbetriebes abhängen und das die Sicherheit des Betriebes schon durch geringfügige Verstöße, gegen die zu seiner Handhabung erlassenen Vorschriften gefährdet werden kann. Mit vereinten Kräften müssen sie danach streben,  Unregelmäßigkeiten hintanzuhalten."

Das fand seinen Ausdruck auch im vorschriftsmäßigem Tragen der Uniform der Lehrlinge, worauf wir stets achteten und ihnen selbst Vorbilder waren.

 

6. Unterrichtskabinette

 

Wir hatten ein Computerkabinett mit 10 Kleincomputern und 20 Schülerarbeitsplätzen und einem Monitor für den Lehrertisch (Fernseher Colotron 4000).      

Die Ausbildung erfolgte  im Grundlagenfach: "Elektronik und Elektronische   Datenverarbeitung". Die Computersprache war BASIC. Das Kabinett wurde wenige Jahre vor der politischen Wende eingerichtet, danach nicht mehr gebraucht und ersatzlos entsorgt. Weitere Kabinette hatten wir für die Unterrichtsfächer Fahrzeugkunde und für den BV-Dienst.

 

7. Lehrmittel

 

Projektionsgeräte: eine Schmalfilmton-Apparatur, ein Episkop und für jeden  Unterrichtsraum einen Polylux und Bildwerfer

Fachliteratur:

Klassensätze von Lehrstoffheften und Dienstvorschriften des BV Dienstes, z.B. der Fahrdienstvorschriften (FV),  Tarife des Reise- und Güterverkehrs, Lehr- und Anschauungstafeln, Funktionsmodelle von technischen Bauteilen, die wir in Eigeninitiative von Meistereien für Unterrichtszwecke beschafften. Weiterhin wurden metallische Demonstrationstafeln, von unserer Lehrwerkstatt gefertigt.  Mit diesen Tafeln ließen sich durch Verschieben von farbig gekennzeichneten Magneten die Verwandlung, als auch die Zusammenarbeit der Bahnhofs- und Streckenblockfelder, demonstrieren und üben. Weiterhin hatten wir Vordrucke des   BV-Dienstes und solche im Großformat mit einer klappbaren beschreibbaren Mattglastafel.                              

   

Projektionsfolien: Diese fertigte jeder Lehrer für seinen Unterricht selbst. So hatte auch ich eine Fülle davon. Außerdem wurden uns von der Lehrmittelstelle des Ministeriums für Verkehrswesen Originalvordrucke des BV-Dienstes als Folien geliefert.

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7.1...... Besonderes Lehrmittel des berufpraktischen  Unterrichts

7. 1. 1. Lehrfahrkartenschalter

 

Durch die Vielzahl der auszubildenden Lehrlinge mangelte es auf einigen Dienstposten an guten  Ausbildungsplätzen, die zu Besetzungsschwierigkeiten führten. Es war daher notwendig, einen zeitlich gestaffelten Plan für den Früh- und Spätdienst einzuführen.  Außerdem hatten einige Bahnhöfe ein geringes Verkehrsaufkommen am Fahrkartenschalter und im Reisegepäck und Expressgutverkehr. Das führte in den Verkehrspausen bei den Lehrlingen zum Nichtstun und zur Langeweile. Weiterhin mussten fehlende oder selten vorkommende Tätigkeiten am Arbeitsplatz in den Lehrunterweisungen behandelt und geübt werden. Das geschah hier durch ein besonderes, praktisches Lehrmittel, das wohl zu dieser Zeit einmalig gewesen sein dürfte. Dafür wurden uns von der Reichsbahndirektion Berlin für alle Ausbildungsbahnhöfe Original- Schrankschalter mit Originalfahrkarten (Edmonsonsche Fahrkarten und Blankofahrkarten) mit dem Aufdruck " Muster" beschafft. Für die Berechnung der Fahrpreise standen uns gelieferte Tarife und Dienstvorschriften zur Verfügung. Dazu hatten wir alle Buchungsunterlagen einer Fahrkartenausgabe  angelegt und konnten so auch Schalterübergaben und -Abschlüsse durchführen. Die Kunden waren unsere Lehrlinge, die auch Fahrausweise ausfertigten, Auskünfte über Zugverbindungen im Kursbuch erteilten sowie sich in ihrer Kundenbedienung und Höflichkeiten übten. An Zahlungsmittel hatten wir uns  mit selbst gefertigtem Spielgeld beholfen, um so Kassenabschlüsse fertigen zu können.

 

7.1.2.  Lehrgüterabfertigung

 

Neben dieser sogenannten "Lehrfahrkartenausgabe" hatten wir uns im Güterverkehr im Versand und Empfang aus gleichem Grund wie vor, mit einer sogenannten "Lehrgüterabfertigung" beholfen. Hierzu bekamen wir Original-Frachtbriefe aller Art mit dem Aufdruck: "Nur für Lehrzwecke" von der Lehrmittelstelle geliefert. Diese fertigten die Lehrlinge nach eigenen Vorstellungen aus. Danach wurden die Frachtbriefe wie in der Praxis vorgeprüft. Anschließend wurden von allen gleichzeitig als Übungsaufgabe an Hand der Tarife  die Frachten und Nebengebühren berechnet und in unseren Versandunterlagen verbucht. Nach einer gemeinsamen Schlussprüfung der Frachtbriefe wurden diese (ohne Fracht!) an einen Bestimmungsbahnhof, der als Ausbildungsbahnhof ebenfalls eine "Lehrgüterabfertigung" hatte, abgesandt. Das geschah per "Eisenbahndienstsache mit Zug" im Packwagen der Reisezüge. Dort erfolgte dann in gleicher Art und Weise die Behandlung der Frachtbriefe im Empfang. Da wir auch hier alle Empfangs-Unterlagen angelegt hatten, war es möglich auch Tages- und Monatsabschlüsse zu fertigen. Diese praktische Arbeit war natürlich auch nur ein lehrreicher Behelf und ersetzte hier auch nicht die Praxis. Sie machte den Lehrlingen Spaß und dürfte wohl bei der DR auch einmalig in dieser Art gewesen sein. Später war sie dann nicht mehr nötig. Der Berufsverkehr nahm auf unserer Strecke durch den Bau des Eisenhüttenkombinats Ost in Fürstenberg (O) zu. Weiterhin wurde die Lehrproduktion eingeführt, wo die Lehrlinge im Verkehrsdienst selbstständige Dienst-Schichten übernahmen, die für die Berufsausbildung besonders verrechnet wurden. Die Lehrlinge erhielten dafür eine Vergütung und wurden mit Prämien im Berufswettbewerb ausgezeichnet. Lehrlinge mit der Goldmedaille erhielten außerdem eine Auslandsreise.

 

8. Beteiligung der Lehrlinge an der "Messe der Meister von Morgen"

             

Jährlich wurde vom Rba in Frankfurt (Oder) und den örtlichen Dienststellen eine "Messe der Meister von Morgen" durchgeführt, an der sich auch unsere Schule, besonders aber unsere Lehrwerkstatt beteiligte. So wurden Exponate der "Neuerer-Bewegung" von technischen Dienststellen und auch Lehrmittel für unseren Unterricht ausgestellt. Ein Lehrling und ich haben auch eine Anzahl von Unterrichtsmittel für den Fachunterricht, wie z.B. ein  "Funktionsmodell zur Demonstration der Wirkungsweise des Notbremsventils  der Druckluftbremse" sowie ein " Funktionsmodell mit Streckenblockbedienung auf einer Modellbahnstrecke" gefertigt. Die Bauteile wir bei einer Dienstfahrt zur Signalwerkstätte nach Magdeburg von dort erhalten und das Bauteil in der Freizeit hergestellt. Dafür erhielten wir eine Anerkennung mit Urkunde und der bastelfreudige Lehrling eine Prämie.

 

9. Sportfeste

 

Ebenfalls  wurde jährlich für die berufsbildenden Schulen der Oderstadt von der der Abt. Berufsbildung und -Beratung des Rates der Stadt Frankfurt (Oder) und aktiver Mitwirkung unserer Sportlehrer Kurt Sellger und Dieter Przybilski ein Sportfest im Stadion durchgeführt. Die Veranstaltung war immer ein Höhepunkt unserer sportlichen Leistungen. Sehen Sie hierzu einige Fotoaufnahmen: Bild 1 Bild 2 Bild 3

                 

10. Anerkennung der Leistungen und Fest der Lehrlinge

 

Jährlich führten wir mit unseren Lehrlingen ein "Fest der Lehrlinge" durch, wo auch verdienstvolle Lehrlinge im Berufswettbewerb und der Lehrproduktion ausgezeichnet und prämiert wurden. Dazu haben unsere Schüler kulturelle Programme aufgeführt. Für das leibliche Wohl hatte die BS ein ansprechendes, reichhaltiges Buffet anrichten lassen. Danach folgte eine Jugend-Disko. Die Lehrkräfte hatten hier nur eine Betreuungsfunktion. Allerdings sagte uns die lautstarke Disko-Musik nicht zu.

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11. Kulturelle Arbeit

 

Mit Bildung der Ausbildungsbahnhöfe hielt seinerzeit auf diesen Bahnhöfen auch die Kulturarbeit Einzug. Dafür wurden Gelder des Staates bereitgestellt und jährlich vom Rba  eingeplant. So wurden Kulturgruppen der Lehrlinge gebildet. Das waren neben unserer Lehrwerkstatt in Frankfurt (Oder) die Bahnhöfe Kietz (jetzt Küstrin Kietz) und Fürstenberg (Oder) (jetzt Eisenhüttenstatt). In Fürstenberg hatten wir einen Chor, eine Mandolinengruppe, eine Laienspielgruppe und eine Volkstanzgruppe. Für Letztere  erhielten wir sogar eine Anleitung vom Stadttheater Frankfurt (Oder). Unsere Kulturgruppe war in der Stadt Fürstenberg (Oder) bekannt und gefragt. So erhielten wir viele Einladungen zur kulturellen Umrahmung ihrer Betriebsveranstaltungen.

Diese kulturelle Arbeit wurde aber später nicht mehr so weiter geführt und  ging  mit   Bildung der BS teilweise auf diese über. Dort hatten wir unter den Lehrlingen eine Singegruppe und unter den Pädagogen einen Chor.

 

12. Exkursionen und Wanderfahrten

 

Zur Unterstützung des fachlichen Unterrichts organisierte ich für meine zu unterrichtenden Klassen nach bestimmten Themenkomplexen Fach-Exkursionen. So z.B.  zum Verkehrsmuseum Dresden und zu geeigneten Stellwerken der Bahnhöfe z.B. zu den Gleisbildstellwerken der Bahnhöfe Ziltendorf, Frankfurt (Oder) Rbf und zum Lehrstellwerk S-Bahnhof Berlin-Grünau. Mit einer meiner Klassen gelang es mir sogar, das Betriebsfeld der Ingenieurschule Gotha zu besuchen. So durften wir, ein Lehrmeister der BS, als ein mir begleitender ehemaliger Fernstudent dieser Schule und ich, mit den Lehrlingen erfolgreiche Übungsfahrten  unter Aufsicht von Dozenten durchführen. Diesen Besuch organisierte ich in Verbindung mit einer Wanderfahrt in den Thüringer Wald und dem Besuch der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar.

 

Jugendherbergsfahrten organisierten meine Lehrlingen und ich als Lehrmeister des Ausbildungsbahnhofs Fürstenberg (Oder) schon seit 1951 und später in der BS als Klassenleiter. Jedem Lehrer war es freigestellt mit seinen Klassen in eigener Initiative  Wanderfahrten durchzuführen. Leider wurden sie nur von wenigen genutzt. Die Kosten hierfür wurden vom Staat bereitgestellt und  von der Schulleitung jährlich eingeplant. Noch zur "Wendezeit", kurz vor meinem Ausscheiden aus dem Schuldienst, organisierte ich mit meiner Klasse noch eine solche mehrtägige Fahrt zu einer Jugendherberge auf der Insel Rügen. Dabei gelang es mir, trotz öffentlich ausverkaufter Platzkarten für das Eisenbahn-Fährschiff Saßnitz nach Trelleborg in Schweden noch 24 Karten zu bekommen. Für das Fährschiff der DR war auch unser Freifahrt-Schein gültig. Dadurch war für alle die gesamte Fahrt, einschließlich der geringen Aufwendung für die Jugendherberge kostenlos.

 

13. Ferienlager

Alljährlich führten wir mit unseren Lehrlingen ein Ferienlager mit betriebseigenen Zelten an der Ostsee durch. Die Lehrlinge der Lehrwerkstatt hatten in einem Vorkommando neben den  Zelten auch ein Küchenzelt und  ein großes Gemeinschaftszelt aufgebaut.  Auch eine "Köchin" hatten wir zur Verfügung, die dafür von einer Rb-Dienststelle freigestellt wurde. Sogar ein Fernseher wurde mitgenommen. Am Ferienort hatten wir Wanderungen, Kino-Besuche und Freizeitbeschäftigungen durchgeführt. Die Betreuung übernahmen Lehrkräfte der Praxis und Theorie. So fuhr an jedem Tag ein Betreuer mit  dem Moped nach frischen Brötchen, half im Lager und in der Küche mit. Die Kosten für die Lehrlinge waren gering. Im Anschluss an das Ferienlager der Lehrlinge führten wir noch einen Durchgang für Familienangehörige der Beschäftigten durch.

Eine Übersicht über unsere Ferienlager siehe:

   http://eisenbahnfreunde.transnet-ffo.de/Schule/Ferienlager.html

  

 

14. Schlußbetrachtungen

 

So haben wir in all den Jahren unserer Berufsausbildung sehr viele Lehrlinge ausgebildet, die disziplinierte, pflichtbewusste und tüchtige Eisenbahner geworden sind. Einige haben nach der Lehre an unserer Ingenieurschule Gotha oder der Hochschule für Verkehrswesen (HfV)  Dresden ein Studium aufgenommen und sogar promoviert. Das war mein ehemaliger Lehrling Klaus- Dieter Plietz, einer in der letzten Gruppe meiner Tätigkeit als Lehrmeister im damaligen Fürstenberg (Oder). Nach der Lehre war er als Fahrdienstleiter tätig, wollte aber auch sein Abitur nachholen und studieren. Um am Unterricht der Volkshochschule teilnehmen zu können, tauschte er seinen Dienst mit seinen Kollegen. Nach dem Abitur studierte er in Rostock Mathematik, promovierte und ist jetzt in seiner Persönlichkeit der Rb- Hauptrat i.R. Dr.-Ing  K.-D. Plietz. Er blieb auch nach seinem Studium der DR treu und ihr in seiner wissenschaftlichen Arbeit erhalten.

 

Ein weiterer meiner auszubildenden Rb-Betriebsaspiranten war später mein erster, sehr tüchtiger Mitarbeiter als Lehrausbilder und nach einigen Jahren mein Kollege im Fernstudium. Gleichzeitig war er auch in der A-Ausbildung. Im Anschluss seines Ingenieur-Studiums war er Gruppenleiter  Betriebstechnik des Rba. Dort nahm ein weiteres Fernstudium an der Hochschule für Verkehrswesen auf und promovierte. Es war der Prof.-Dr.  K.-H. Burghardt,  Inhaber eines Lehrstuhles der Hochschule. Leider ist er schon sehr zeitig verstorben.

Die aufgezeigten Erfolge waren das Ergebnis nicht nur unserer Bildungs- und Erziehungsarbeit, sondern aller  BV-Dienststellen, ihrer Lehrfacharbeiter und aller Eisenbahner, die unsere Lehrlinge gut ausgebildet haben. In erster Linie aber waren es Willensstärke, der Fleiß und die Beharrlichkeit der Auszubildenden selbst.

 

Mein Dank geht aber auch an unseren Staat für seine vielseitige Fürsorge, Unterstützung und Bereitstellung der Mittel für den beispielhaften Aufbau unserer Berufsausbildung. So freut es mich jetzt im Ruhestand, bei der Ausbildung und Erziehung unseres Eisenbahner-Nachwuchses erfolgreich mitgeholfen zu haben.

 

Literatur: Wir Eisenbahner am Oderstrom Teil 1 und Teil 2

www.eisenbahnfreunde-ffo.de/ Geschichte/ Betriebsschule

Hinweis: Weitere 2 Berichte über meine Berufsausbildung siehe unter:

         *)     http://eisenbahnfreunde.transnet-ffo.de/Lehmann/index.html    und

                 http://eisenbahnfreunde.transnet-ffo.de/Lehmann/Lehre/Bilder/index.html.

........ .. (1)*... Die Gewinnung und Ausbildung des Eisenbahner-Nachwuchses bei der Deutschen Reichsbahn (DR) bis 1945 und danach

Ein weiteren Bericht ganz anderer Art unter: Vogelsang an der Oder.de / Historisches/ Kraftwerk/ Nachkriegserinnerungen/  "Minenräumung in Vogelsang und Umgebung, wie ich sie erlebte" unter:

                  http://www.vogelsang-oder.de/hist_kraft7.php

 

Bernhard Lehmann

Vogelsang im März 2014

 

 

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