Entwicklung ehemaliger Lehrlinge und ein Treffen nach 60 Jahren

 

Es ist erfreulich und ein Ausdruck von guter Charakterbildung und Erziehung, wenn sich ehemalige Lehrlinge noch nach Jahrzehnten an ihre Ausbilder erinnern und sich danach noch jährlich mit ihnen treffen.
So meine Lehrgruppe, die im Jahre 1959 ihre Lehre beendete und nach 50 Jahren zu unser aller Freude mit ihnen trafen. Und dies jährlich, jetzt im 60-zigsten Jahr, nun schon zum 12. Mal.
Es ist der Ausdruck einer außergewöhnlich langen Freundschaft mit diesem Lernaktiv des Berufs: "Facharbeiter für Eisenbahn-Betrieb " des Ausbildungsbahnhofs Eisenhüttenstadt, der mit vier anderen im Bezirk seit 1950 zentral Lehrlinge im Reichsbahnamtsbezirk Frankfurt (Oder) ausbildete. Meine Lehrausbilderin, Brigitte Thiel, mein jetzt verstorbener Kollege, Werner Wieczorek und ich, haben dort in 10 Jahren (1950 - 1960) hunderte von Lehrlingen betreut und ausgebildet. Es war meine letzte Lehrgruppe als Lehrmeister nach Abschluss meines Fern- Studiums, bevor ich als Lehrer zu unserer Betriebsschule nach Frankfurt (Oder) kam. Auch für meine Kollegin, die wie ich einst, aber viele Jahre später, als Reichsbahn- Betriebsjunghelferin die gleiche Ausbildung durchlief, beendete ihre Lehrtätigkeit. Da sie in Frankfurt wohnte, ging sie zum Reichsbahnamt in die Gruppe Betriebstechnik. Dort übernahm sie als Fachkraft einen anspruchs-, und verantwortungsvollen Arbeitsplatz.
Sie erarbeitete "Betriebs- und Bauanweisungen" für die Sicherheit bei Gleisbauarbeiten, für die Fahrdienstleiter und Stellwerks- und Weichenwärter. Sie war im Arbeitsstab für operative Betriebsleitung und wurde meine Ehefrau.
Unsere Lehrgruppe aber kam zum Einsatz auf den Bahnhöfen im Betriebsdienst: im Stellwerks-, Zugmelde-, Fernmelde-, Telegrafen- Aufsichts-, Rangier- und später Fahrdienstleiterdienst. Im Verkehrsdienst: in den Fahrkartenausgaben, Gepäckabfertigungen und Güterabfertigungen. Darüber habe ich unter, www.Eisenbahnfreunde-ffo.de / Geschichte/ Eisenbahner erzählen..., mehrere Berichte geschrieben.
Einige Lehrlinge qualifizierten sich anderweitig oder nahmen ein Studium auf.

Die höchste Qualifikation aber erreichte zu unserer aller Freude ein sehr guter Lehrling, der Klaus-Dieter Plietz, aus Eisenhüttenstadt. Er wurde Fahrdienstleiter des Bahnhofs Finkenheerd und arbeitete im Schichtdienst. Aber er wollte sein Abitur nachholen. Durch Diensttausch war es ihm möglich, am Unterricht der Volkshochschule teilzunehmen. Er studierte in Rostock Mathematik, promovierte zum Dr.-Ingenieur und war danach wissenschaftlich für die DR und DB tätig. Die Frauen Gisela Dittrich (geb.Kutzner) und Frau Erika Lüdicke (geb.Liebenau) wurden tüchtige Facharbeiterinnen in verschiedenen Abteilungen der  Bahnhöfe und Güterabfertigungen Eisenhüttenstadt bzw. Ziltendorf. Sie sind die Krönung unserer kleinen Gruppe, des einstigen Lernaktivs. Leider sind zwei Frauen der Gruppe, Hannelore Jänisch (geb. Müller), Renate Wollmach (geb. Kaerger) und im vorigen Jahr auch Hans -Joachim Redlich zeitig verstorben. Wir halten ihr Andenken in Ehren !                                                                                      

Auch ich nahm im Jahr 1954 nach der Lehrmeisterprüfung ein sechsjähriges Fernstudium an der Ingenieurschule für Eisenbahnwesen in Dresden auf. Zu meiner Freude, mit mir zwei meiner früheren betreuten Lehrlinge, aber damals als Jungfacharbeiter.  
Es waren meine Studienkollegen Bernhard Schulz, früher mein Nachbar in Vogelsang, und Karl-Heinz Burkhardt, beide wohnhaft in Frankfurt (Oder). Burghardt wurde nur kurzfristig nach der Lehre mein Lehrausbilder. Er nahm danach die Reichsbahn- Inspektorausbildung auf, was für sein Fernstudium sehr günstig war. Wir waren zusammen in einer Studien- und Seminargruppe.
Wie es nach dem Studium in unserer Entwicklung weiterging will ich hier berichten:
Schulz, der vorher Fahrdienstleiter auf dem Bahnhof Eisenhüttenstadt war, wurde Dienstvorsteher der damaligen großen Komplexdienststelle des Rangierbahnhofs Frankfurt (Oder), zu dem auch der Grenzbahnhof Oderbrücke gehörte. Viele Jahre später wurde er Direktor unserer Betriebsschule und so mein Vorgesetzter. Burkhard, leistungsmäßig der Beste von uns, aber wollte gleich weiterstudieren und nahm nach seinem Ingenieurabschluss sofort ein weiteres langjähriges Fernstudium an der Hochschule für Verkehrswesen in Dresden auf, promovierte und bekam dort eine Professur. Leider sind beide, Schulz und Burkhard schon sehr zeitig, verstorben.
Ich verblieb in der Berufsausbildung und wurde zunächst Lehrer in der Aus- und Weiterbildung der Eisenbahner, der Technischen Betriebsschule (TBS), wo ich 5
Jahre war. Ich legte neben der Lehrmeisterprüfung nun auch die beiden Lehrerprüfungen ab und war danach 25 Jahre in der berufstheoretischen Ausbildung unserer Lehrlinge tätig.
Jahre später habe ich noch einmal ein zweijähriges Zusatz-Fernstudium zum Fachingenieur an der Ingenieurschule für Transporttechnik in Gotha aufgenommen.

Nach einem Gesetzblattbeschluss der DDR (Sonderdruck 869) über die Berufsbezeichnung von Hoch- und Fachschulabsolventen in der Berufsbildung wurde ich berechtigt, die Berufsbezeichnung: "Diplom-Ingenieur-Pädagoge" (Dipl.-Ing.-Päd.) zu führen. 

Neben meiner Lehrtätigkeit war ich außer meinen Kollegen Siegfried Stephan, dem als Stellvertretender Direktor die Kontrolle der berufspraktischen Ausbildung oblag, " Leiter der berufstheoretischen Ausbildung der Betriebsschule," zu dem auch die Abteilung Aus- und Weiterbildung gehörte. So wurde ich Mitglied der Schulleitung und war für den Schulbetrieb, den Stundenplan, die Kontrolle des Unterrichts und die Lehrplanerfüllung verantwortlich und mir unterstand das Lehrerkollegium. Später wurde ich zum Oberlehrer befördert und erhielt schon Jahre zuvor die Verdienstmedaille der DR, ohne dass, wie oft angenommen, ich noch meine Frau, jemals in der Partei gewesen sein müssten.
Mit unserer Lehrgruppe, alle jetzt im Rentenalter, verbindet uns, nun schon mit ihren Ehefrauen, eine jahrzehnte lange Freundschaft. Sie erfreut uns alle, besonders meine Frau und mich. Wir treffen uns jährlich an verschiedenen Orten, ob zu Schiffsfahrten, Besichtigungen oder Wandertouren.
Man holt uns mit dem Auto von zu Hause ab und fährt uns auch wieder zurück. Auch für nächstes Jahr liegt das Ziel schon fest. So freue ich mich nunmehr als "Rentner mit 89"und nach vierzig aktiven schulischen Jahren, meine Lehrlinge und Schüler erfolgreich begleitet zu haben, als wir alle noch sehr viel jünger waren.

Leider gibt es seit der politischen Wende, die den Betriebswechsel DR/DB herbeigeführt hat, diesen Beruf nicht mehr. Mit dem Wechsel änderten sich nicht nur die Eigentums- sondern auch die Transportverhältnisse in der Aufgabenteilung der Verkehrsträger. So gibt es den örtlichen Güterverkehr und den Gepäck- und Expreßgutverkehr nicht mehr. Dadurch entfielen für uns die Ausbildungen in den Güterabfertigungen und Gepäck- und Expreßgutabfertigungen. Infolge des nun fehlenden Güterverkehrs gab es auch keine Zugbildungen und -Auflösungen, sowie auch den Rangier- und Stellwerksdienst nicht mehr. Auf den ferngesteuerten Strecken und Bahnhöfen entfielen die örtlichen Fahrdienstleiter mit den Stellwerken, wodurch unser Berufsbild gegenstandslos geworden ist.

Mit diesem Bericht beende ich meine Berichterstattung über die Berufsausbildung in unserer Betriebsschule des Reichsbahnamtes Frankfurt (Oder). 
Ich grüße noch einmal symbolisch meine Lehrlinge und Schüler und wünsche ihnen viel Gesundheit, Glück und Wohlergehen sowie gute berufliche Erfolge. Besonders freue mich, wenn ich einige von ihnen treffe, die mich noch erkennen und ansprechen. Sehr bedanke ich mich bei meinem ehemaligen Schüler, Herrn Detlef Malzahn. Er war nicht nur ein guter Schüler, sondern hat sich danach im Beruf hervorragend entwickelt. Zu meiner Freude, ist er jetzt noch außerordentlich erfolgreich und vielseitig für die Eisenbahn tätig. Ihm danke ich vielmals für die Arbeit mit meinen Berichten.
Ich danke aber auch unserem Staat der DDR, der uns diese großzügige, wie beispielgebende Berufsausbildung ermöglichte und meine berufliche Entwicklung bestimmte. Dies bei 46,5 Dienstjahren bei der Deutschen Reichsbahn, davon 40 Jahre in der Berufsausbildung der Lehrlinge und der Aus- und Weiterbildung der Eisenbahner in unserer Betriebsschule.

 

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Bernhard Lehmann
Reichsbahn-Rat i.R.